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*11.12.2020

Poems to the sea, Cy Twombly, 1959.

 

*17.11.2020

 

 

 

 

 

 

 

 

ÜBER DAS SCHREIBEN: Helene Cixous im Gespräch mit Peter Engelmann


*13.11.2020

RESET (2020) is a new moving-image work by Alberta Whittle.

*7.11.2020


Kurz, die Beschränktheit der Naturwissenschaften in Bezug auf die natürliche Welt besteht in der Unfähigkeit, mit ihrer wichtigsten Determinate umzugehen: dem menschlichen Handeln und der menschlichen Subjektivität. Diese sind zu Recht Domäne der Politik. Die Beschränkheit des politischen Handelns liegt wiederrum darin, dass es nicht die imaginativen Mittel hervorzubringen vermag, deren es bedarf, um die Beziehungen der Menschen zur Natur neu zu denken. Und doch lautet die Wahrheit, dass neue Strategien ohne ein derartiges Neudenken unmöglich sein werden.

Die Beziehung zwischen Menschen und ihrer Umgebung beinhaltet ein Spektrum von Erfahrungen, das so gewaltig ist, wie es sich der menschliche Geist nur vorzustellen vermag — es reicht vom Wissen des Fischers über die Stromschnellen eines Flusses, bi zu den Mediationen des heiligen Franziskus von Assis; vom Staunen eines Kindes über einen Schmetterling bis zum öffentlichen Aufschrei wegen einer Ölpest. Die gewalten Dimensionen dieses Spektrums von Erfahrungen stellen den Grund dar, weshalb die Beziehung des Menschen so stark über fiktionale Vorstellungen von ihr gesprägt ist —
ob sich dabei um die Geschichten eines Autors wie Bernading de Saint-Pierre handelt,
um eine Legende wie Bonbibi, oder einen Roman wie Herman Melvilles unvergleichlichen Mobby Dick. Es ist meine Überzeugung, dass nur die Literatur eine Leinwand bereitstellen kann, die weitgespannt genug ist, um diese Beziehungen in all ihrer Dimension zu behandeln; nur in der Literatur ist es Möglich eine Versöhnung zwischen Bonbibi und dem Einsiedlervon Saint Pierre herbeizuführen, zwischen den Bemühungen eines Naturwissenschaftlers, der entschlossen ist, dass Aussterben einer Spezie zu verhindern, und die Bedürfnisse eines Fisichers der jagen muss, um zu überleben. Wenn die Natur also auf eine Weise neu vorgestellt werden soll, dass die Gegenwart des Menschen — nicht als Räuber, sondern als Partner — in ihr wieder hergestellt wird, muss auch dies zunächste als Geschcihte erzählt werden.  (Amitav Gosh, Wildnisfiktionen)

 

*6.11.2020

Gastkommentar im Standard

„Leg die Waffen weg und setz dich her zu mir“: Irmgard P. erinnert sich an eines der Opfer des Terroranschlags von Wien – ihre Schwester

Ein Nachruf für jene 44-jährige Frau, die am Montag getötet wurde.

Irmgard P.
Zwei Frauen und drei Männer – darunter der Attentäter – starben am Montag in Wien. In dem Nachruf auf eine der ermordeten Frauen erfahren wir mehr über sie und darüber, was sie zu Lebzeiten bewegt hat.
Foto: Christian Fischer

Am 2. November so gegen 20 Uhr waren fünf Personen zur falschen Zeit am falschen Ort. Alle fünf sind jetzt tot, eine davon war meine Schwester.

Gudrun war eigentlich nicht zur falschen Zeit am falschen Ort, sie war in einer gut gelaunten Runde von Kollegen auf ein After-Work-Bier. Sie war entspannt und fröhlich, noch mal die Gelegenheit nutzend, an einem lauen Herbstabend bei einem Bier nach einem Arbeitstag mit Kollegen zusammenzusitzen. Ort und Zeit waren für sie schon sehr okay. Neben all den vielen anderen Menschen war auch ein junger Mann in der Nähe, der offensichtlich für sich nur noch den Weg als einzig möglichen gesehen hat, schwer bewaffnet und um sich schießend möglichst viele Menschen zu töten, bevor er selbst getötet wird. Die beiden sind aufeinandergetroffen – und jetzt trauern wir, um eine „ältere Dame“.

Für Schwächere eingesetzt

Die ältere Dame, die 44-jährige Frau, von der nun berichtet wird, das zweite weibliche Opfer, war meine Schwester, aber sie war so viel mehr. Sie war eine liebende Lebenspartnerin, Tochter, Schwester, Enkelin, Nichte, Tante, Cousine – und sie war sehr, sehr vielen Menschen eine gute Freundin. Sie war eine geschätzte Mitarbeiterin und eine beliebte Kollegin. Sie hat sich seit ihrer Kindheit für Schwächere eingesetzt, sie war sehr engagiert im Schutz von Frauen vor Gewalt. Sie war eine große Verfechterin von Toleranz, sie war Betriebsrätin, sie war Mediatorin und wollte immer vermitteln. Für sie war ein Mensch in erster Linie ein Mensch, Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft, gesellschaftlicher Stand, Aussehen, Glaube, Ansichten, Vorlieben waren nebensächlich und alles okay, solange kein anderer Mensch dadurch verletzt, gekränkt oder herabgewürdigt wurde.

Weil sie am 2. November war, wo sie war, muss ich jetzt ihr Begräbnis organisieren. Wäre sie nicht dort gewesen, würden wir nun möglicherweise zu zweit zusammensitzen und uns darüber austauschen, was da passiert ist, im ersten Bezirk, gleich neben ihrem Büro. Ich denke darüber nach, was wohl ihre Meinung gewesen wäre.

Sie hätte gesagt, dass Wut, Hass, Ausgrenzung, Nulltoleranz, Gewalt niemals Teil einer Lösung sein können, aber dass sie sehr oft Teil des Problems sind. Wir hätten uns erinnert, wie schwierig es war in jungen Jahren, unseren Weg zu finden, und dass wir eigentlich das Glück hatten, immer Menschen um uns zu haben, die uns Wege gezeigt haben, die nicht nur mit Gewalt begangen werden können. Dass wir Teil einer liebenden Familie waren, anerkannte Mitglieder von Klassen, Gruppen, Freunden und Vereinen. Wir wurden gesehen, anerkannt und in unserer Persönlichkeit wertgeschätzt.

Wir haben Bildung erhalten, die es uns ermöglicht hat, Vorbilder für ein friedliches Zusammenleben zu finden, die uns mutig gemacht, aber auch wachsam und achtsam gegen Beeinflussung. Wir durften in einem Umfeld aufwachsen, das uns gelehrt hat, uns nicht zum Spielball von Mächtigen und Manipulatoren machen zu lassen. Hätte meine Schwester die Macht gehabt, sich auszusuchen, wie sie in dieser Situation handeln könnte, hätte sie sich gewünscht, diesem jungen Menschen sicher vor Kugeln gegenübertreten zu können. Sie hätte ihn sicher ziemlich forsch angesprochen und gesagt: „Hör sofort auf mit dem Scheiß, das ist doch Blödsinn. Leg die Waffen weg und setz dich her zu mir. Erzähl mir, was dich so wütend macht.“ Und ich weiß, sie hätte so lange mit ihm geredet, diskutiert und gestritten, bis er gesehen hätte, es gibt viele Wege für ihn und nicht nur diesen einen. Aber niemals hätte sie gesagt „Schleich di, Oaschloch“.

„Bietet Hilfe an“

Wenn meine Schwester noch sprechen könnte, sie würde sich für die Anteilnahme bedanken. Aber als Nächstes würde sie sagen, ihr nützt diese Anteilnahme nichts mehr. Sie würde euch bitten, eure Anteilnahme den Lebenden zu geben, die sie brauchen. Sie würde euch bitten, wo immer es euch auch in eurem Umfeld möglich ist, grenzt nicht aus, sondern integriert, beantwortet Aggression nicht mit Aggression, sondern mit einem deutlichen „Stopp, so nicht“, und dann bietet Hilfe an. Die Welt könnt ihr nicht ändern, euer Verhalten aber schon.

Alle, die sie gekannt und geliebt haben, werden sie ganz furchtbar vermissen, die meisten von uns werden aber deswegen nicht mit Hass auf den Menschen reagieren, der sie mit in den Tod genommen hat. Wenn ihr meine Schwestern und ihr Andenken ehren wollt, dann bitte ich euch alle, auch nicht mit Hass und Ausgrenzung zu reagieren, das würde alles, wofür sie gestanden ist, gelebt hat und eingetreten ist, mit Füßen treten. (Irmgard P., 6.11.2020)

*4.11.2020

adrienna maree brown: On vulnerability, playfulness and keeping yourself honest*

 

*23.10.2020

Infinity. Refine, define, try to be fine.
Some notes related to Roy Anderson „Unendlichkeit“. 18.10.2020 Admiral Kino, Wien.

Some issues. Some traces of pain. Of unsolved questions. Maybe. The birds in the sky to start with. Are they coincidental? Do they come to tell us something? Or are they programmed to complete the picture? Are they just in our mind? – In my mind, I like to see these grey fleeting spots forming my perfect V in the sky as wild geese traveling together. Like to see them as some signs of freedom. As if they kept on going their own ways untouched by problems of politics and power. Which is of course not true. Also, the birds are largely affected by our troublesome human existence and greed. Affected by the human propaganda of never being enough, the lack of solidarity.

Different shades of grey, beige and brown dominate these tableaux painted with light. The camera does not move and shows just single positioned shots of places. There the sky has swallowed all colors, the skins and surfaces have no inner glance to reflect light. We see situations we all know. Absurd problems of humankind, little stories of big fears of little people: of a man who distrusts banks and saves his money under his mattress. Of a woman who thinks that no-one is waiting for her. Of a woman who likes champagne. Of a loving couple floating in the air over a destroyed city. A contemporary Jesus is carrying a cross, being whipped and beaten by women and men in clothes and uniforms we know of today. What an anachronistic artificial figure, I think. But with the duration and repetition, which is just long enough, I suddenly register, this is probably how it happened. And yes, that is probably how it still happens: The chefs, the colleagues repeating: „Stand up! Continue!“ while hitting you from behind, making your knees buckle. Even helping you to stand up again, just to beat you down again. This scene, we learn, as the film continues, is the nightmare of a priest who has lost his faith. Still the question remains, and keeps coming back in the movie: what to do if we lose our faith in God? Can we believe in faith without a God? Is it possible to believe and enjoy life just like that? Find joy. Insisting that life is „fantastic“ as the man in the bar needs to express: Isn’t it all fantastic?

The words and dialogues become like sculptures in these little situations, which mostly take no longer than 3 minutes. Although there are very simple and often repeated sentences, it is as if the people were sending each other strange sounds, unable to assume that they are understood. It is the situation, the posture, the acts and interactions (or lack thereof), and last but not least time, which are the major components of these moving tableaux.

The scenes are like songs. It seems extraordinary to see such a strictly structured, composed movie in a movie theater. If I were to see the film in a museum, its factitiousness would probably turn me off and I would not take the time to sit and receive scene by scene. But here in this old cinema, sitting in velvet chairs in the dark, among my friends and a few other people who agreed to spend this time together, sharpens my awareness. Though the pale colors and grayness presented make the already well-known winter depression nearly palpable. Yet, different grades of colors shine shyly through the beige and brown as if to invite one to just take enough time to see the beauty. The almost endless procession of prisoners of war on their way to a prison camp in Siberia might be a timeless image for the manifold issues that will hardly be solved by mankind: violence and freedom i.e. imprisonment of our souls, in our life and on a political scale, exposed to forces we never can control. As in the film’s last scene, where a man on an endless lonesome road does not know how to fix his car. But the flock of birds is there, as in the beginning, flying through an endless sky.

Nietzsche’s eternal return resonates in the single scenes and also informs the overall composition, The endless line of the road, the horizon and the vastness of an open sky.

Looking for the composers of the soundtrack from the movie, I read that Roy Andersson was inspired by the stories from One Thousand and One Nights. And indeed now I remember the soft voice of a woman introducing the scene with just one line: „I remember a man / a woman who…“ Another inspiration for the background of Andersson’s cinematic genre films is Swedish functionalism of the 1950s with its cold, faceless, pompous architecture, in which people seemed lost and acted as if in front of theatre sets. Andersson also drew inspiration from painting, such as the New Objectivity and Otto Dix, also from Edward Hopper and Marc Chagall, for example, his „Above the city“ for the opening sequence with the couple hovering over war ruins.

Somewhere a thought is lingering; that it is a pity that Anderson just cast white people – even if the similarity to Otto Dix figures is indeed striking and one could reassure oneself that this kind of strangely and lovingly distorted figures reach beyond any cultural significations. Like that the tableaux relate more to a kind of nostalgia from the 1950ies than our society today.

Maybe Andersson wanted to invite us into the astonishment of the young people in a little room in a skyscraper, wondering that everything is made from energy. Meaning also themselves, this boy and this girl right there are just energy. And probably we spectators are also just energy. Since energy cannot disappear, only transform, the boy and girl might meet again as a potato and a tomato somewhere in hundreds of years. I wonder what U would like to transform into. How about you? (SH for Jeroen P. in memory of „Around the corner“ a project by Jack Hauser & Jeroen Peeters)

 

 

*20.10.2020

„Die „Sekundenskulpturen“ von Margot Pilz zeigen verschiedene Bildsujets, für die sich die Medien- und Konzeptkünstlerin mit Selbstauslöser in unterschiedlichen Posen porträtiert hat. Diese inszenierten Schwrz-Weiß-Fotografien aus den späten 1970er Jahren sind auch die Vorgänger der „One-Minute Sculptures“ des österreichen Künsterls Erwin Wurm, in dieser runde 20 Jahre später konzepieren wird.“ (Albertina Modern, The Beginning. Kunst in Österreich von 1940 – 1980)

Foto: esel

*15.09.2020

Kleine Notiz zum symbolisches Kapital <–> symbolische Gewalt: Als Zeichen gesellschaftlicher Anerkennung und sozialer Macht bzw. sozialer Gewalt verleiht das symbolische Kapital Prestige, Reputation, Ehrenzeichen, Privilegien und Positionen. Dies geschieht vor dem Hintergrund der Verfügung über die anderen Kapitalsorten, die Akteure und die verschiedenen Klassen vermittels einer distinkiven Sprache und anderer körperlichen Ausdrucksformen, wie Kleidung, Stil und Verhalten.
Es ist zwar möglich, symbolisches Kapital von jedem anderen Kapitaltypen herzuleiten, trotzdem kann es aber nur dort erfolgreich eingesetzt werden, wo es von den Kontrahenten vor dem Hintergrund eines gemeinsamen kulturellen Musters als Überlegen erkannt und anerkannt wird. Laut Bourdieu ist es

…“jene sanfte, für ihre Opfer unmerkliche, unsichtbare Gewalt, die im Wesentlichen über die rein symbolischen Wege der Kommunikation und des […] Anerkennens oder äußerstenfall des Gefühl ausgeübt wird.“

 

 

*20.09.2020

Photo: Elena Peytchinska

„Von Händen und Sonden“ by Elena Peytchinska, Thomas Ballhausen and Jeannot Schwarz @ Extra Raum

For the opening performance by Sabina Holzer:
Sometimes stars allow us to become handles with which we can try to approach the world.
Even words sometimes hold this helpful geometry for us. Like the word: spaceship.
Create 8 gestures to explore and expand this phenomenon.
What touches you can become a model for the future.

1. Gestures of holding on as an extended embrace.
2. Measuring in-between spaces.
3. Listening.
4. Only if I am silent I am invisible.
5. Reconfigurating the space.
6. Trace and touch what is there and not there.
7. Be surprised.
8. Sometimes be particles, sometimes be waves. Sometimes both.


For Elena Peytchinska und Thomas Ballhausen 



Photo: Elena Peytchinska
*15.09.2020

 


The wonderful and marvoulous Emma Peel! R.I.P.


*30.08.2020

 

 

…“Vielleicht lässt sich eine Verhaltenslehre aufstellen bezüglich der Weisheit der Tiere. Die Weisheit des Leoparden zum Beispiel geht noch über seine brennende Geduld hinaus. Die ruhige Souveränität einer soliden Raubkatze, ihre Fähigkeit störendes, assoziatives Denken zu verhindern, die kleinsten gaben der Welt ringsum zu genießen, machen aus ihre eine Meisterin häuslicher Weisheit, die bestimmt die Gelehrtersten inspiriren würde; der Leopard könnte ein Lebenskonzept entwickeln, das die Menschen, jene sozialen, ganz den Spielen der Macht und Einfluss hingegeben Primaten nicht haben erfinden können. Aus Gründen der Evolution hat die solitäre Raubkatze eine Verhaltensform entwickelt , die einer Souveränität ohne Untertanen gleich kommt. Man könnte auch sagen, wie kann jemand König sein, der über niemanden Macht hat? – es ist ein Paradox; er besitzt iemanden und wird folglich auch von niemanden besessen. Betrachetet man die Bewegungen des Leoparden auf dem Bergkamm oder die eienr Katze im Wohnzimmer, wird klar, dass sie ein Ethos des Majestätischen erreicht haben, das die großen Könige der Menschen selten erlangten. Ihr Unabhänigkeit ist das ethologische Prinzip der Könige ohne Königreich; sie sind unenthronbar, weil sie nichts zu verlieren haben; unmöglich unserer Macht zu unterwerfen, weil sie über niemanden Macht haben. Die solitäre Katze ist eine Herrscherin ohne Imperium, ihr Reich besteht aus ihr selbst. NIcht Weichlichkeit oder Hilfsbedürftigkeit liegt im Verhalten des Leoparden; denn er hat kaum Lebensbedürfnisse, die er nicht selbst stillen könnte; daher ist seine Zuneigung so etwas wie eine Gabe um ihrer selbst willen, keinesfalls Ausdruck einer Abhängigkeit.“ (Baptiste Morizot, Philisophie der Wildnis – oder – Die Kunst vom Weg abzukommen, S93.)