In „Science/Fiction“; Podium – Zeitschrift für Literatur, Mai 2023
Sie wacht auf mit dem Gefühl, dass dieser Körper ihr nicht gehört. Das hört sie sich selbst sagen.
Wie sie auf die Idee kommt, dieser Körper gehöre ihr, ist sogar ihr selbst ein Rätsel. Wahrscheinlich ist es einer dieser alten, geometrischen Figuren. Eine schattige Kerbe in ihren Stirnlappen. Eine veraltete Faltung, die nicht genug von Gehirnflüssigkeiten umspült wurde. Damit sie sich auflöst. Sich neu falten, neu kringeln kann und so Teil wird von diesem Körperort, von dem sie Teil ist. Eine von diesen veralteten, verschrumpelten Verhärtungen also. Trotzdem. Sie ist mit einem eigenartigen Gefühl munter geworden.
Ihr Körperort ist eine in Erscheinung tretende Gestalt vieler Lebewesen. Eine Sphäre, die unterschiedliche Formen annehmen kann und doch, wegen der Zusammenarbeit der unterschiedlichen Arten, auf ganz spezifische Weise existiert. Im Ausdehnen und Zusammenziehen. Im Pulsieren und Pochen. Ein Kräftefeld, das sich von anderen differenziert und sich gleichzeitig phasenweise überlappt. Auch bei ihr gibt es tote und lebendige Gebiete. So wie bei den anderen. Sie teilen diese Zonen und Schichtungen. Auch die Luft teilt sie mit den anderen. Und das Wasser. Alle verschiedenen Körperorte teilen alle Elemente und Bestandteile, aus denen dieser Planet gemacht ist. Auch die Gifte. Auch die Kriege. Diese menschengemachten Kriegsmaschinen, die immer noch überall auftauchen und sich so lange halten.
Dieses Gefühl heute Morgen also. Als organisches Lebewesen. Auch sie ist in den Wechsel von Tag und Nacht eingebunden. Am Morgen realisiert sie erst, welche Gestalt und welche Spannungsverhältnisse sich über Nacht realisiert haben. Die Nacht? Sie ist samtig und tiefschwarz. Eingebettet in ein melatonisches Nichts verliert sie ihre Grenzen. Erst am Morgen nimmt sie wieder Form an. Oder besser: sie wird wieder, den Umständen entsprechend, in Form gebracht. Diese ist von vielen Dingen abhängig. Natürlich vom Klima im allgemeinen, der Temperatur und Witterung. Aber auch den Stimmungen. Den daraus entstehenden Rhythmen.
Sie hört das Pochen ihres Herzens. Ihr Herz ist Teil der Stadt. Eng verflochten durch meist unsichtbare Bänder, Fasern, Röhren und Adern. Durch elastische, dehnbare Schläuche und Beutel. Mit durchlässigen Abtrennungen. Durch Partikel und Tröpfchen. Durch elektrische Ladungen. Durch andere Lebewesen, die diese Gebilde instand halten. Oft hat sie versucht, all das genauer zu verstehen. Ist mal früher, mal später daran gescheitert. Im Grunde ist es sehr einfach: geht es der Stadt okay, ist auch sie okay. Ist die Luft klar und gut zu atmen, hat sie genug Sauerstoff. Ist das Wasser sauber und die Stadt versorgt, ist auch sie gut versorgt.
Ihr Herz pumpt das Blut durch den Körperort, dem sie angehört. Sowie früher das Herz menschliche Körper über Blut, Organe und Zellen versorgt hat, versorgt dieses Herz, das sie betreut und behütet, Stadtteile. Natürlich ist sie nicht alleine. Natürlich ist das Herz auch nicht „das Zentrum“, wie oft so leichtsinnig daher gesagt wurde. Oder gar das Gehirn. Das Wissen, dass ein Organ nicht selbstständig agieren kann, ist nach hunderten Jahren der Ignoranz endlich in die Praxis umgesetzt worden. Dass zum Beispiel Membran mit ihrem Wissen, was durchgelassen werden soll und was ausgeschieden wird, genauso wichtig sind wie Organe. Sonst wäre schnell alles vergiftet. Oder, dass in den inneren Schichten der Adern Nährstoffe und Botenstoffe entstehen, die wesentlich für die Versorgung der Körper sind. Und so weiter. All das. Sind Teile der Welten. Die Verbindungen von Lebewesen und Lebensplaneten sind verstärkt worden. Wie hätten sie auch anders überleben sollen?
Ihre Organe sind verbunden. Mit vielen Organen. Eingebettet in ganze Landstriche. Ihre Zellen mit vielen Zellen. Mikroben und Menschen. Die einen können nicht ohne die anderen. Warum sollten sie auch? Sie ist mit vielen Anderen verbunden, von denen sie nicht mal alle Namen kennt. Deren Namen sie nicht mal aussprechen kann. Manchmal muss sie einen Rhythmus klatschen, manchmal tanzen, um sich zu verständigen. Mit denen. Sie ist nur ein kleiner Teil von all diesen Verbindungen. Eine verschwommene Grenze, wo eigentlich Durchlässigkeit ist. Grenze heißt hier: nicht getrennt sein. Grenze heißt: Ruhe. Heißt: Pause. Zwischen den Atemzügen zum Beispiel. Die Zeit zwischen den Herzschlägen.
Seit dem massenhaften Artensterben auf dieser Welt. Seit den Zerstörungen durch die Auswirkungen der Klimakrise. Seit der totalen Überlastung durch Umweltverschmutzungen. Seit der großen Beschleunigung. Den Katastrophen. Den Ausbreitungen der Wastelands. Seit sich plötzlich alles in Bewegung setzte. Alles in alle Richtungen in Bewegung setzte. Sich aufspannte, rissig wurde, ineinander überging. Aufeinander los. Weil alles. Zu trocken. Zu feucht. Zu warm. Zu kalt wurde. Seit den Überflutungen, den Verwüstungen. Seit die menschlichen Körper durch all das unkenntlich geworden waren. Suchten sie. Möglichkeiten. Verbindungen. Mussten Verbindungen konkret werden. Gefestigt werden.
„Wenn die Stadt das Herz, die Flüsse, Bäche und Kanäle das Blut und unsere Gedanken und Handlungen die Nährstoffe sind. Was gäbe es dann zu tun?“ Wieder und wieder hat ihre Mutter ihr diese Frage eingepflanzt. Jetzt wächst sie von alleine. Denn. Es ist Krieg. Und. Alles ist falsch. Zugleich ist Frieden. Um etwas richtiger zu machen. Müssen sie das Leben ernster nehmen. Den vollen Umfang davon. Auch an das haben ihre Großmütter immer wieder erinnert. In ihrer Alterszärtlichkeit. Versucht und gezeigt haben sie es. Harmlos beinahe. Unerbittlich. Darauf geachtet. In welchen Zusammenhängen sie leben. Sie leben wollen. In welchen Zusammenhängen wollen wir leben? Welche Folgen haben sie? Frieden muss sich auf eine Lebenspraxis berufen können. Auf Grundrechte berufen können.
Darum diese Verpflanzungen und Verknüpfungen der Organe. Die jahrelangen Versuche. Das Testen. Freiwillig zu Beginn. Dann organisiert. Wie die Menschen das gewohnt waren. Wie einige wenige von ihnen es Jahrhunderte lang geübt hatten. Geübt hatten Menschen, Tiere und das Land zu organisieren. Das Organisieren perfektionieren wollten. Eine kleine Verwaltung hier. Ein großes Massaker dort. Ein geisterhaftes Desaster, das sich immer mehr ausbreitete. All das weiß sie nur aus seltenen Erzählungen von einer anderen Zeit.
Aber. Die Geister sind immer noch aktiv. Es gibt natürlich sehr viele, sehr unterschiedliche Geister. Sie leben miteinander. Sie ringen miteinander. Sie tauchen auf und verschwinden wieder. Niemand weiß, wohin. Manchmal hat sie selbst das Gefühl, ein Geist zu sein. Wenn sie nachts formlos ist. Und das Gefühl, nichts zu wissen, sie durchdringt. Absolut nichts zu wissen. Auf jeden Fall viel zu wenig. Wenn sie nicht ist. Niemand sowieso. Wenn sie taumelt. Wenn der Schwindel sie packt. Wenn die Angst sie jagt und alles auslöscht. Wenn alles zu groß. Und sie zu klein ist. Oder umgekehrt. Und sie nicht sicher ist. Wer sie ist. Und was die Welt. Und ob das zu unterscheiden ist.
In diesen enormen Verbindungen. Diesen Auflösungen zwischen hier und dort. Zwischen Land und Mensch. Stadt und Mensch. Mensch und Tier. Stadt und Land. Technologie und Natur. All diese alten Worte. Alte Worte, die, ohne Liebe verwendet, nur Verwirrung stiften. Denn nur noch in Liedern können Worte noch ihre Vibration entfalten. Sonst sind auch sie lediglich Geister, die etwas festhalten. Sich festsetzen. Sich bemächtigen wollen. Als wären sie ewige Gesetze. Biologisch. Determiniert.
Und dabei. Sie erfährt das mit jedem Moment. Mit jedem Pochen. Öffnet sich so etwas wie Freiheit. Möglichkeiten. Variationen. Das hat die sogenannte Natur gezeigt: diese unglaubliche, unzählbare Vielheit an Variationen. Mutationen. An Möglichkeiten. Also heißt Freiheit hier: anders werden. Versorgt sein. Genährt sein. Erfrischt sein. In Beziehung sein. Mit jedem Puls: Sauerstoff. Nährstoff. Mit jedem Puls: Klärung. Entgiftung. Mit jeder Bewegung. Jeder Geste. Das eine. Und das andere. Beinahe gleichzeitig. Und zugleich sehr geordnet. Mit dieser Freiheit ergibt sich ein Raum. Ein Zwischenraum. Mit dem sie sich verbinden kann. Ein grünes Tasten. Das lernt sie vom Herz. Wieder und wieder.
Darum muss sie raus. In Bewegung sein. Sich auf den Weg machen. Zu den Anderen. Zu dem Anderen. Durch die Zeit. Durch die Stadt. An die Grenze. Zu der Flussteilung. Der Verteilung und Verschiebung der Wasserschichten. Dort will sie hin. Zu diesem unterschiedlichen Fließen. Weil sie Teil davon ist. Teil dieser Mannigfaltigkeit. Diesem fluiden Rahmen. Diesem Schimmern, das die Rhythmen synchronisiert. Den gemeinsamem, prozesshaften Charakter. Nur so. Nur so ist die tägliche Anwendung, die alltägliche Nutzung der Verbindungen möglich.
Sie schlüpft in ihren schwarzen Anzug. Der Anzug durchtränkt ihre Haut mit Melanin.
Schwarz. Schwarze Nacht. Schatten. Umfassend. Mehrfach durchdrungen. Tritt sie ins Außen. Was immer das sein mag. Sie will etwas bei vollem Tageslicht sehen. Ist gesättigt von der Freude. Dem Kompost. Hat dasselbe Verlangen nach dem Tageslicht, wie nach Luft und Wasser. Und wenn das Sehen Feuer war, braucht sie die Fülle des Feuers. Wenn Hören die Explosion des Rauschens war, will sie in diese Explosion. Wenn sie all das mit Wahnsinn ansteckt würde, will sie diesen Wahnsinn. Unbedingt. Der Anzug. Schutz und Öffnung zugleich.
Sie steigt in den Fluss. Das samtene Fell ihrer Kleidung übersetzt ihr das Murmeln der Strömungen. Sie taucht tiefer. Sie will den Grund berühren. Nur kurz. Die Stabilität eines Bodens atmen. Den weichen Schlamm. Den Sand. Mit zartesten Berührungen wirbelt er auf. Verdunkelt die Sicht. Trübt die Farben. Dämmt das Funkeln der Fische. Das nasse Leuchten der Steine, das Schimmern der Algen. Mit diesem Begehren, das diese Wirbel auslösen, bringt sie sich selbst in Gefahr. Macht sich angreifbar. Es mag absurd erscheinen. All dieses Unterwasserdasein. Ist mit ihr. Sie gehört ihm an. Genauso wie den Kräften der Erde und den Kräften der Luft. Aber. Wie ein altes Sprichwort sagt: Man ist sich selbst der größte Feind. Das größte Problem. Das, was einem selbst im Wege steht. Und so weiter. Auch wenn das „Selbst“ mittlerweile obsolet geworden ist. In gewisser Weise. Tauchen diese Sprüche immer wieder von irgendwo auf.
Sie lässt sich vom Fluss mitnehmen. Er bringt sie zur inneren Stadt. Zu diesem Inneren, das nicht mehr existiert. Weil das Äußere keine feste Form mehr hat. Es gibt viele kleine Siedlungen und Zellen, Besetzungen von furchtbaren Gebieten. Die Population rund um den vormaligen Kern ist zersetzt. Durchzogen von giftigen Deponien. Müllhalden. All das ist Teil ihres Gewebes. Natürlicherweise. Muss in blutigen Klumpen ausgeschieden werden. Als eitriger Schleim. Erzeugt Übelkeiten. Fieber. Hat seinen eigenen Rhythmus. Bestimmt sie. Genauso wie die fruchtbaren Gebiete. Wegen der sie ihre Tätigkeiten unterbrechen muss. Und Zuhören muss. Zuschauen. Versuchen. Nichts tun. Sich dem Nichts hinzugeben. Der Empfänglichkeit. Der köstliche Passivität zuweilen. Was aber auch und immer Arbeit ist. Darüber hat sie sich nie hinwegtäuschen lassen.
Dort bei den Weiden und Akaziensamen. Dort, wo die Sträflinge das tiefere Flussbett ausweiteten. Am Rande dieses porösen Inneren bei der Mündung der Flüsse. Der sogenannte Hauptversorgungsarme. Zwischen den Covidwasserarmen. Den Antibotikawasserarmen. Den Serverkühlerwasserarmen. Diesen übergroßen Rinnsalen. Die immer wieder über ihre Grenzen steigen und alles in lauwarmen, säuerlichen Dunst hüllen. Dieses kaum existierende Dazwischen. Dieses Kraken-Land. Dass sie nur durch unbestimmtes Pulsieren orten kann. Diese selten existierende Kraken-Stadt. Diese Ausstülpung. Als wäre es ein trockengelegtes Feuchtgebiet.
Dort also. Wo die Flüsse aufeinander treffen. Ineinander greifen. Um ins Meer zu fließen. Bei diesem Übergang. Am Fuß der Brücke. In ihrem Schatten. Indem sie beliebig verschwinden und auftauchen kann. Bei diesem alten Schlüsselarrangement. Diesem Zusammenspiel natürlicher Ressourcen und bautechnischer Bedürfnisse. Dieser typischen strukturellen Permanenzen. Wo soviel zusammen kommt. All diese unerklärlichen Anreicherungen. Von Uran zum Beispiel. Uran aus natürlichen, mineralischen Vorkommen. Oder noch von Atomwaffentests? Oder Kernkraftwerken von damals? Wer weiß?
Auch Ozeane enthalten natürliche Konzentrationen von Uran. Und diese Flüsse fließen ins Meer. Uran entfernt sich nicht durch Sedimentation aus dem Wasser. Es widersetzt sich den üblichen Kräften. Von Gewicht. Von Zentrifugalkraft. Es bleibt einfach. Ungelöst. In der Lösung. Kann es Teil der Lösung sein? Es mischt sich weiter mit anderen Wassermassen. Uran ist ein Tracer. Der Tracer. Für sie. Ein Tracer der Bescheid weiß über Meeresströmungen. Den Unterströmungen. Rückströmungen. Den Wirbeln. Weiß, wie Wasser Wasser transportiert. Weiß über Wassertemperaturen und Schwankungen. Den unterschiedlichen Wärmeschichten. Mineralische Tracer entwickeln andere Muster als ihre anthropogenen Partner*innen. Mittlerweile werden alle eingesetzt. Wegen des Klimas. Und dem Wandel. Mit ihnen will sie Kontakt aufnehmen. Darauf hat sie sich vorbereitet. (Sabina Holzer)
