STONES LIKE US — STEINE WIE WIR

Wenn wir die Landschaft als Körper begreifen, ist Sinn nicht eine ausschließliche Eigenschaft des Menschen. Hier. 3 Begriffe, die uns interessieren; deren Zwischenräume und Ränder wir suchen: Landschaft. Körper. Sinn.

Landschaft. Geschaffenes Land. Kulturland. Kulturell geprägt. Be- arbeitetes, gepflegtes, geschaffenes Land. Land, das auch geworden ist. Geschaffen in Millionen von Jahren. Schicht für Schicht.Vom Flüssigen zum Festen. Verdichtet, verklumpt, zerrieben, zersetzt, erhitzt, geschmol- zen. Abgelagert, aufgeschwemmt, ausgeworfen. Verwittert, kristallisiert, transformiert. Land. Geformtes Land.

 

Vielschichtige Ebenen. Organisch, an- organisch organisiert.Vielfältig gefaltet.

So wie wir. Hier. Wir, Ansammlung von Falten, Kerbungen, Ausstülpungen, Hohlräumen. Wir Gefüge, Geröll, Textur, Landschaft, Körper. Mit dir. Erde und Stern in einem. Vielfältige Materie.

Es gibt viele Arten, diese Situation zu betrachten, diese Zusammenkunft, dieses Ensemble. Diese Höhle, in der Steine gezeigt werden, die in menschlichen Körpern entstanden sind.Wie sind sie entstanden? Wie sind sie hier hergekommen?

Die Ähnlichkeit dieser Steine mit ihrer Umgebung wird uns auffallen. Hier. Wenn wir uns umschauen und uns gegenseitig betrachten lassen. Und vielleicht werden wir die

Kerbungen und Falten dieser Steine, die in menschlichen Körpern entstanden sind, mit dem Gedanken betrachten, dass wir uns gerade jetzt selbst in einer solchen Kerbung, einer Faltung befinden, zusammengefunden haben. Auch wenn diese ein unzählbar Viel- faches größer ist.

Wegen der Form, der Fragen des Formens, sind die Steine hier. Wegen bewusstem und unbewusstem Formen. Die Frage, was Wissen bedeutet, worauf es deutet, welche Spuren es zieht. Oder auch: woraus es sich zusammensetzt, gestaltet und eine Gestalt ausbildet. Lassen Sie uns, liebe Besucherin, lieber Besucher, in diesen Fragestellungen bei den Ähnlichkeiten bleiben. Lassen wir unsere Vorstellungskräfte spielen.

 

STEINBILDNER

Vielleicht finden wir Ähnlichkeiten auf der gemeinsamen Ebene der Häute, der Oberflächen. Der Einfaltungen, Nähte, Knospen, Säume. Keime von Bergen und Brunnen. Quellen, die nach oben steigen.Tropfen und Flüsse. Salze. Andersartiges. Ihr Senden, Empfangen, Erkennen und Verwandeln.

Hier. Diese Höhle. Diese Falte. Diese Kerbe. Und wir. Hier. Nicht im, nicht als Zentrum. Ohne Zentrum. Ansammlung von Falten, Kerbungen. Ausstülpungen, Poren und Porösitä- ten. Wir, Augenhöhlen, Achselhöhlen, Brusthöhlen, Bauchhöhlen, Beckenhöhlen. Hier, in der Höhle.

Geboren, um gewogen zu werden. Gewichtig im Fall, in der Richtung, im Aufrichten. Entlang der Vertikalen.

 

Zwischen Himmel und Erde, ein paar Gramm. Präzises Gewebe. Gefaltet, in den frühesten Stadien unserer embryonalen Entwicklung. Ein Mal, hundert Mal, millionen Mal. Evolutionäre Transformationswesen, wir. Misch- wesen quasi. Zusammengesetzt aus Elementen [1] und Substanzen [2]. Körper, genannt Menschen. In deren Körpern sich Steine formen.

Körpersteine, geformt aus unserer Lebensform, unseren Handlungen
– diese Aufzeichnungen, Texturen, Verfestigungen unserer Tätigkeiten und Untaten. Hinterlassene Ab- und Eindrücke von Ernährungsmustern. Aktivitäten und Passivitäten. Greif- bare Zeit. Verzögerte Plötzlichkeit. Körpersedimente in Organgefäßen. Gerändert, gerillt, gedreht. Geborgen in weichem Gewebe. Mineralisierter Fluß. Feste mineralische Masse.

 

Mineralstoffe. Anorganische Nährstoffe, die der menschliche Organismus nicht herstellen kann. Lebensnotwendige Stoffe. Nicht organisch. Und doch Bestandteile
des Organischen, von lebenden Verbindungen. Leben-in-Stand-haltend. Struktur gebend. Mineralien. Sie haben vor langer Zeit unser organisches Gewebe infiltriert. Darum gehen wir aufrecht. Darum sind unsere Knochen, wie sie sind. Unsere Wirbel: kleine Höhlendurchgänge, von Fleisch umgeben. Mineralien. Sie formen die Grundarchitektur unserer Mobilität. Sie leiten die elektrischen Impulse und unsere Nervensignale weiter und regulieren sie. Regulieren uns.

Körpersteine. Mineralisierungen des Körpers. Zeugen bestimmter Mischverhältnisse. Von Säuren, Fetten, Cholesterin. Zeugen bestimmter Lebensumstände. Bestimmter Ernährung. Bestimmter Stresspegel. Menschenstress von Menschengeschichten. Etwa von der des 16-jährigen ägyptischen Knaben, der vor 4800 Jahren lebte. Bei ihm wurde der erste Nierenstein gefunden. Oder von den Gastarbeitern der 1970er Jahre [3].
Aus Angst, abgeschoben zu werden, produzierten sie immer mehr Steine. Geologische Verschiebungen sind
das. Diese Abschiebungen. Für den Einzelnen zerbersten da Welten. Wir wissen das, liebe Besucherin, lieber Besucher. Wir können uns das ganz leicht vorstellen. – Heiliger Liberias, Schutzheiliger der Steine und ihrer Krankheiten, schütze uns! Vor der Angst. Schütze uns vor den Schmerzen. Schütze uns vor uns selbst und den kontinentalen Verschiebungen. Den klimatischen Veränderungen. Vor dem Grollen, dem Geröll. Der Gallen-, Nieren-, Harn- und Blasensteine. Hilf uns! In unserem Werden. Erden.

 

Anders betrachtet. Wundersame Gebilde mit fremd klingenden Namen: Whewellit, Weddellit, Uruzitt, Apatit, Struvit, Cystin. Auch Harnsteinsubstanzen genannt.Von unseren Körpern. Von der Natur. Innen und Außen. Außen ist Innen? Wir suchen Verbindungen. Wir sind halt aus den selben Stoffen gemacht. Wir sind halt durchs selbe Milieu entstanden. Wir sind der bestehende Beweis dieser Naturkulturen. Dieser mysteriösen Wechselwirkungen.Von Mineralien und geologischen Ablagerungen. Zwischen den Einzelteilen von Organismen. Zwischen Organismen in Ökosystemen. Zwischen Organischem und Anorganischem, Lebendigem und Nicht-Lebendigem. Zwischenwesen wir.

Mineralienwesen wir. Mit Apatit in den Knochen und auf den Zähnen. Mit Harnsäure, aus der Harnsteine entstehen. Mit mineralogischen Na- men. Namen nämlich von männlichen Forschern. Das war damals so. 1852. Zum Beispiel. Ein Harnsteinmineral wurde im „Glückauf-Schacht“ bei Burgk [4] in Sachsen entdeckt und voller Hochachtung nach dem Naturphilosophen Whewell [5] benannt. Nach William und seiner Vielfalt der Welten, seiner Philosophie der Entdeckung und noch vielem mehr. Überhaupt wird weltweit Whewellit in der Natur gefunden. Hinterlässt oftmals seine Spuren. Zu Lande, in Menschen, in Pflanzen: in Sauerampfer, Sternfrucht, Spinat, Mangold, Roten Rüben, Kakao, zum Beispiel. Auch im menschlichen Körper ist Whewellit am häufigsten. Er verbindet sich am liebsten mit Weddellit. Dem Seltenen. Dem ausgefallenen Geschöpf. Dem tetragonalen Kristallsystemstein. Dem Farblosen.

 

Manchmal jedoch in zartem Gelb oder Braun gefärbt. Der Weddellit aus dem Weddellmeer. Wasserunlöslich liegt er im Meer. In unserer Niere. Unserer Galle. Kaum in Kontakt mit Sauerstoff gibt er Wasser ab. Kristallines Wasser. Verwandelt sich in Whewellit. Weiß, daß eine Form der Zeit am Werk ist. Gibt sich ihr hin. Oder vielmehr einer Vielzahl von widersprüchlichen Zeiten, die Formen wandelt. Sie sind im selben Bild mit- einander verbunden. In diesem Bild hier.

 

NATURKULTURBILDNER

In dieser Landschaft. Hier. 290–250 Millionen Jahre alt.Wegen des lang- samen Absinkens der Landoberfläche. Wegen der Überflutungen des damaligen Meeres. So ist das Kaisergebirge entstanden. Vor 200 Millionen Jahren. Das Gebirge war eine Insel damals. Eine Kaiserinsel. Umflossen von Gletscher- und Gesteinsströmen. Umwirbelt von Sand und Schotter. Mit Bergbachstürzen. Auschlamm. Ablagerungen.Von der Eiszeit bis jetzt in Bewegung. Davon zeugen auch Werkzeuge. Aus Steinen, aus Knochen gemacht. Die leise Lautsche Spitze zum Beispiel. Klein und kno- chig. Eine Erzählung, 28.000 Jahre alt. Aus den Resten der 30.000 Jahre alten Höhlenbären. Den Knochen von Löwen, Wölfen, Füchsen, Hyänen und anderen Tieren.

 

Den Menschentieren. Auf zwei Beinen. Das Haupt geschmückt mit Spangen. Mit Werkzeugen aus Kupfer und Bronze gegossen. Mit Steingut und Steinzeug Keramik erzeugt. Hier. Zeugen des Lebens, das hier stattfand. Befragt. Tausendfach erzählt. Skelette von 30 bis 35 Personen wurden hier entdeckt. Schlecht erhaltene zwar. Aber. 2 Männer, 7 junge Frauen, 17 Kinder und Jugendliche wurden gefunden. Skelette. Solche wie die, durch die wir aufrecht stehen.Wegen der Mineralien. Wie die Steine. Aus den Körpern.

Wir sind die Gegenform der Steine. Wir sind die Form, die zugleich Prozess ist. So wie diese Steine. Aus dem geologischen Institut von Herrn Tessadri hierher gebracht.Von ihm gesammelt, aufgehoben nach der Operation. Nach der Reise vom Spital ins Institut. Aufbewahrt. Nach den Untersuchungen. Nach der Feststellung: wer bist du, Stein? Woraus bestehst du? In diesem großen digi- talen Gerätezeug aus seltenen Erden. Und auch dann ist der Prozess nicht zu Ende. Ist nie zu Ende. Dieses Bild, diese Ansammlung von Steinen. Jetzt. Hier. Nur ein Eindruck. Ein flüchtiger Abdruck in Raum und Zeit. Auf unserer Netzhaut, in unseren Augenhöhlen, die das Licht einfangen. Die Steine werden wieder verpackt. Abtransportiert. In Laden geschoben. In dunkle Kästen. So wie es war und ist in unserem dunklen Inneren. Den dunklen Organwelten. Mit anorganischen Nischenexistenzen.

Im ununterbrochenen Wechselspiel von Verformungen und Veränderun- gen. Zeit in verdichteten, wiederkeh- renden Formen. Sie erlaubt nicht, einen Aspekt vom anderen zu trennen. Weil sie in Berührung sind. Auch über Entfernung. Auch durch Raum und Zeit. Möglichkeit, Entfaltung, Auf- faltung. Einwirkung, Auswirkung. Abdruck und Gegenpart zeigen sich. Betrachten sich gegenseitig.Werden. Formende Berührung.

Berühren wir den Stein. Berühren wir Teile von uns selbst. Lassen wir uns von der Höhle berühren. Sind wir in Berührung mit uns selbst. So, wie wir hier stehen. Sohle an Sohle. Wie wir sitzen. Wir liegen. An der Wand lehnen. Uns in die Mulden schmiegen. In Höhlen zusammen rollen. Wenn wir die Vibrationen unseres Herzschlags spüren. Die Schwingung des Atems. Durch die Mineralien hindurch. Mit ihnen. Mit den Verfesti- gungen. Den Verschiebungen der Zeit- spannen. Den Steinen und Knochen.

Als Teil eines Organismus, der einen zweiten, einen dritten, vierten, hundersten, tausendsten, millionsten Organismus beherbergt. Irgendwo dazwischen wir. Menschen. Als Teil. Als geisterhafte Spur von eigenartigen Lebewesen.Verborgen, versponnen. Aufgespannt. Durch Höhlen und Häuser. In Rillen als Rauschen. Geworden aus niemals Glattem, niemals Geradem. Gezogen durch die Welt als Krümmung. Als Bogen. Als Schwung. Als ineinandergreifendes Muster. Das in die Welt greift und dabei zugleich sich selbst berührt. Berührt wird. Sich so bildet. (Sabina Holzer)

 

Mit vielem Dank an Katrin Hornek für die vielen Hinweise und anregenden Gespräche!

[1] Kohlenstoff (C), Wasserstoff (H), Stickstoff (N), Calcium (Ca), Chlor (Cl), Phosphor (P), Kalium (K), Schwefel (S), Natrium (Na), Magnesium (Mg).
[2] Wasser, Proteine, Lipide, Kohlenhydrate, Nukleinsäuren, Mineralstoffe.
[3]
H. Toggenburg, Ch. Horica und K. Bandhauer: Das Harnsteinleiden bei Gastarbeitern – eine epidemiologische Studie.
[4] de.wikipedia.org/wiki/Whewellit
[5] William Whewell (* 24. Mai 1794 in Lancaster; † 6. März 1866 in Cambridge), britischer Philosoph und Wissenschaftshistoriker. de.wikipedia.org/wiki/William_ Whewell

 

Quellen:

Robert Brown, Neal Rudmose, The voyage of the „Scotia“ – Being the Record of aVoyage of Exploration in Antarctic Seas, London, 1902.

Roger Callois, TheWriting of Stones, University Press of Viriginia, 1970.

Jeffrey Jerome Cohen, Stones – An Ecology of the Inhuman, University of Minnesota Press, 2015.

Georges Didi-Huberman, Ähnlichkeit und Berührung – Archäologie, Anachronismus und Modernität des Abdrucks, DuMont Verlag, Köln 1999.

Jean-Luc Nancy, corpus, Diaphanes, Berlin 2003. Richard Tessadri, Der Mensch als Mineralien-Produzent,

Vortrag, Universität Innsbruck 2014.

Jeff Vandermeer, Die Auslöschung N°1,Verlag Antje Kunstmann, München 2014.